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 Liebermann

 

 

 

 

 

 
 Liebermann

Max Liebermann
und das Berliner Jüdische Museum

Von

Hermann Simon

 

Vorwort zum Katalog der Ausstellung

“Max Liebermann -

Was vom Leben übrig bleibt, sind Bilder und Geschichten”

Herausgeber: Hermann Simon

Redaktion: Hermann Simon, Anja Galinat, Ulrich Werner Grimm

Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum, Berlin 1997

 

Der Katalog kann bestellt werden über:

Stiftung Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum

Oranienburger Str. 28-30, 10117 Berlin, Tel.: 030 / 88028250, Fax: 030 / 2821176

 

  Titelblatt Liebermann-Katalog

Als der erste Direktor des Berliner Jüdischen Museums, Karl Schwarz (1885-1962, am Freitag, dem 16. Juni 1933, letztmalig vor seiner einen Tag später erfolgten Emigration nach Palästina die Räume des am 24. Januar desselben Jahres eingeweihten Museums durchwanderte, hatte er das Gefühl, “als ob der Todeshauch bereits durch die Säle zöge”. So erinnert er sich in seinen vermutlich Ende der 50er Jahre entstandenen Memoiren, die bisher unpubliziert sind. Schwarz schreibt weiter: “Das Museum kam mir wie ein schwer Kranker vor, für den es keine Hoffnung mehr gab. Das Einzige, was es hier noch zu tun gab, war, das Leben, so lange es eben noch ging, zu verlängern. Der Gemeindevorstand hatte beschlossen, bis zur Wahl eines Nachfolgers für mich Frl. Stein mit den Museumsarbeiten zu betrauen. Frl. Stein war in mehrjähriger Arbeit mit mir mit der Materie so genau vertraut, dass es niemand hätte besser machen können. Im kommenden Jahr wurde Prof. Franz Landsberger aus Breslau zum Direktor des Jüdischen Museums bestellt, unter dessen Leitung es - analog der Euphorie eines Sterbenden - noch eine Scheinblüte erlebte.” Dies ist, in Kenntnis des Geschichtsverlaufs, eine durchaus verständliche Beurteilung der Dinge.

Franz Landsberger folgte Erna Stein im Amt des Direktors des Berliner Jüdischen Museums mit einem gewissen - wenn auch verhaltenen - Optimismus. Bis Anfang 1933 war er Ordinarius an der Breslauer Universität. Nach kurzer Tätigkeit an der Breslauer Kunstakademie kam er gegen Ende 1934 nach Berlin. Seinen Posten als Direktor des Berliner Jüdischen Museums trat er am 1. Mai 1935 an. Ausschlaggebend dafür, daß der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde ihm dieses Amt überhaupt angeboten hatte, war, wie er Jahrzehnte später berichtete, seine in der “Jüdischen Rundschau” erschienene “eigene Ehrung für den Künstler” Max Liebermann.

Kurz nach seinem Amtsantritt gewährte der neue Direktor der “C.-V.-Zeitung” ein längeres Interview, in dem er sich zu seinen zukünftigen Plänen äußerte. Landsberger wandte sich an die “vielen jüdischen Familien”, die “heute ihren Wohnsitz in Deutschland” aufgeben, mit der Bitte, “durch private Zuwendungen eine Erweiterung des Museums möglich” zu machen. “Nicht an die Fortziehenden allein” wollte Landsberger sich wenden, “sondern auch an die jüdischen Gemeinden, die jetzt aufgelöst werden müssen, ihr Urkundenmaterial, ihre Kultgeräte dürften dem Museum wertvolle Bereicherung bringen.” Landsberger, der schon im Jahre 1910 in Breslau einen Verein für jüdische Kunst gegründet hatte, setzte sich in seinem Interview auch für die Pflege moderner jüdischer Kunst ein. Seine “besondere Sorgfalt” wollte der neue Direktor “dem Ausbau der Gemälde- und Plastiksammlung” angedeihen lassen. Da der Etat des Museums “naturgemäß sehr klein” war, kündigte Landsberger an, daß er die Künstler um Leihgaben bitten werde. Abschließend teilte er mit, dass er sich bemühen wolle, das Kupferstich- und Fotoarchiv “zu einer Sammelstelle für alle wertvollen Illustrationen, die jüdische Dinge berühren”, zu entwickeln. “Zur Verfolgung dieses Ziels”, erklärte Landsberger, “stehe ich in Verbindung mit anderen jüdischen Museen in der Welt, um auf dem Austauschwege neues Photomaterial (...) zu erhalten.” Er teilte ferner mit, “daß das Museum (...) auch die Zentrale für jüdische Lichtbilder ist. Es verleiht Lichtbilder zu Vortragszwecken nicht nur innerhalb Berlins, sondern auch für das ganze Reich.”

Von einer Liebermann-Gedächtnisausstellung ist in dem Interview noch nicht die Rede, wenngleich Max Osborn davon spricht, dass der Plan dazu “bald nach seinem Tode entstand”.

Wie viele Arbeiten des Malers das Berliner Jüdische Museum zu jener Zeit besaß, wissen wir nicht. Sicher gehörten die Werke Liebermanns nicht zu den Kunstwerken, die die Aufmerksamkeit des ersten Direktors der Kunstsammlung, Moritz Stern, fanden. Zwar versuchte Stern, die Kollektion des Museums zu erweitern, deren Grundstock die Sammlung des Dresdner Juweliers Albert Wolf (1841-1907) bildete, die dieser der Gemeinde testamentarisch vermacht hatte, aber im Grunde interessierte Stern moderne Kunst nicht.

In den schon zitierten Erinnerungen teilt Schwarz mit, sein von ihm wenig geliebter Vorgänger Stern habe “sich hauptsächlich auf den Erwerb graphischer Blätter” konzentriert. “Er wollte ‘Gelegenheiten’ auffinden, d.h. er wollte billig kaufen. Hierbei passierten ihm mangels jeder Kenntnis der Materie die bedauerlichsten Missgeschicke, und als er 1926 eine Ausstellung seiner Neuerwerbungen veranstalten wollte, wurde Dr. [Aron] Sandler, der Dezernent der Bibliothek [der Jüdischen Gemeinde] und folglich auch der Sammlung war, mit Schrecken gewahr, welches Unheil hier angerichtet wurde. Dies gab die Veranlassung, dass er [i.e. Sandler] mit mir in Verbindung trat und, als wir uns über meine zunächst vorläufige Tätigkeit einig geworden waren, mir auftrug, die in dem Sammlungsraum schon aufgehängte Ausstellung, die allerdings noch nicht eröffnet war, zu kassieren und die billigen und unkünstlerischen Misrachblätter - sie bildeten Stern’s Vorliebe - verschwinden zu lassen.”

“Als ich meine Arbeit [im Oktober 1927] begann”, schreibt Schwarz weiter, “befand sich die ganze Sammlung in einem fast hoffnungslosen Zustand der Unordnung. In einigen Vitrinen waren zwar Kultgeräte aufgestellt, aber diese waren weder näher verzeichnet noch überhaupt katalogisiert. Die Münzen und Medaillen lagen in Kisten verstreut. Stern hatte wohl ein Verzeichnis angelegt, aber da nirgends zu ersehen war, welches Stück unter der betreffenden Verzeichnisnummer gemeint war, so war man aufs Raten angewiesen. Die graphischen Blätter trugen zwar Nummern und es gab dazu einen Zettelkatalog, der aber so fehlerhaft war, dass er vollkommen unbrauchbar war. Reproduktionen waren als Originalgraphiken angegeben, die Bezeichnungen Kupferstich, Radierung, Lithographie waren ganz willkürlich angegeben, die Beschreibungen ganz dilettantisch. Viele Blätter trugen überhaupt keine Nummern und waren nicht aufgenommen ...

Dr. Sandler, den ich auf den Zustand der Sammlung aufmerksam machte, gab mir (...) plein pouvoir [i.e. Vollmacht]. Ich erklärte ihm, dass es unmöglich sei, die vorhandenen Kataloge zu ergänzen und so, wie sie angelegt waren, fortzuführen, und dass eine radikale Neuordnung vorgenommen werden müsse, die aber nicht nur einige Monate, sondern vielleicht einige Jahre in Anspruch nehmen werde.

Ich begann also mit der Arbeit und stellte gleichzeitig eine Ausstellung aus den Beständen der Sammlung zusammen. Da der vorhandene Raum für die geordnete Aufstellung und Unterbringung der vorhandenen Schätze ganz unzulänglich war, so wurden durch einen Durchbruch einige Räume hinzugenommen, sodass die erste Ausstellung, die 1927 stattfand, sich in vier Räumen präsentieren konnte.” Schwarz konnte in dieser Exposition zwar keine größeren Werke Liebermanns zeigen, wohl aber zwei Radierungen, und zwar von Hermann Cohen sowie ein Selbstbildnis. Darüber hinaus besaß die Kunstsammlung auch ein Selbstbildnis Liebermanns in einer Zeichnung, deren Abbildung sich mehrfach im Gemeindeblatt findet.

Schwarz’ erklärter Plan war es, die Bestände des Berliner Jüdischen Museums systematisch zu erweitern. Insbesondere kam es ihm darauf an, die Sammlung moderner Kunst auszubauen, denn die “jüdischen Maler und Bildhauer unserer Zeit schufen wichtige Dokumente jüdischer Kunsttätigkeit”.

Karl Schwarz wollte aus der Kunstsammlung ein wirkliches Jüdisches Museum schaffen. Hierzu wurde auf seine Veranlassung am 28. November 1929 der Jüdische Museumsverein gegründet. Zu den Unterzeichnern des Gründungsaufrufes gehörten neben Schwarz so bekannte Persönlichkeiten wie zum Beispiel Max Liebermann, Eugen Caspary, Adolph Donath, Sammy Gronemann und Arnold Zweig. Karl Schwarz hatte also Menschen gefunden, die seine Pläne unterstützten “und durch Rang und Namen wirksamen Einfluss nehmen konnten und auch nahmen. Der Gemeindevorstand war über den Erfolg der Gründungsversammlung erstaunt. War es mir doch gelungen”, erinnert sich Schwarz, “den sonst allen jüdischen Institutionen fern stehenden Max Liebermann zur Annahme des Ehrenvorsitzes zu bewegen. Es waren mehrere interessante Besuche bei ihm vorausgegangen, bei denen wir in weitschweifige Diskussionen über Kunst und Judentum geraten waren. Liebermann war so 100-prozentig Berliner, dass er darüber sein Judentum ganz vergessen hatte. Es war  nicht leicht, ihn von etwas zu überzeugen, da er stets mit scharf geschliffenen Gegenargumenten antwortete. Er erzählte mir von seiner Jugend, da er als Knabe manchmal in die Synagoge Heidereutergasse gekommen war, wovon er noch besondere Eindrücke in Erinnerung hatte. Er erzählte mir von Jozef Israels, - und hier war der Punkt, wo ich ihn fassen konnte. Von den großen Gemälden ‘Die jüdische Hochzeit’ und ‘David und Saul’ ausgehend, die ihm besonders imponierten, entwickelte ich ihm meine Ansichten über die Aufgaben jüdischer Künstler. Er horchte gespannt zu und ich merkte, daß ihn diese Fragen innerlich beschäftigten.

Als ich einige Zeit darauf wieder zu ihm kam, standen im Atelier einige Skizzen. ‘Sehen Sie das. Das versuche ich nun dauernd, eine Königin Ester. Aber es wird immer noch Nischt. Ich bin eben kein Jude, bloß so en oller Berliner. Aber det is ooch wat, nur eben janz anders. Aber ick probiere weiter. Sie haben mir da neulich einen schönen Floh ins Ohr jesetzt.’ - Ich kam darauf öfters zu ihm und er interessierte sich für das, was ich in der Kunstsammlung zusammenbrachte.”

In diesem Zusammenhang will ich nicht auf das Problem eingehen, wie jüdisch Liebermann eigentlich war. Dennoch ist es interessant, dass Schwarz’ Eindruck kurz vor der Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten ein anderer war, wenn er schrieb: “Liebermann ist Zeit seines Lebens stolz darauf gewesen, einer angesehenen Berliner jüdischen Familie anzugehören, er hat sich immer als Jude gefühlt und des Öfteren nachdrücklichst darauf hingewiesen.” Schwarz teilt uns mit, daß “eine Erinnerung künstlerischer Art (...) den Meister mit der alten Synagoge” verbunden habe: “Als der Vater 1894 starb, malte er das Porträt des alten Schammes [i.e. Synagogendiener] Rosenthal und stiftete den Erlös des Bildes für die Synagoge.”

Auch Landsberger berichtet, daß Liebermann sich stets “mit einem gewissen Stolz als Jude gefühlt” hat.

Es ist zu vermuten, dass Karl Schwarz dem Maler nicht nur einen “schönen Floh ins Ohr jesetzt” hat, wie wir eben gelesen haben. Ich glaube, dass er ihn auch zum Selbstporträt ermutigte, das Liebermann zur Eröffnung am 24. Januar 1933 dem Berliner Jüdischen Museum schenkte. Es gehörte zu den beeindruckendsten Werken, die 1936 in der Max-Liebermann-Gedächtnisausstellung der Jüdischen Gemeinde Berlin zu sehen waren, auf die später eingegangen wird.

James Yaakov Rosenthal - zur Zeit der Museumseinweihung jüngster Mitarbeiter der Jüdischen Telegraphen-Agentur (J.T.A.) und in dieser Eigenschaft bei der Eröffnungsfeier anwesend - erinnert sich fast fünfzig Jahre danach: “Wer dieser Einweihung, die eine wahre ‘Weihe’ war und ausstrahlte, an jenem, durch das Folgende für immer denkwürdigen Nachmittag beiwohnte, trägt diesen (...) Akt für immer im Herzen. Denn es war der letzte bedeutsame, noch einigermaßen unbeschwerte, gleichsam abendscheinbesonnte jüdische Gesamtkulturakt in der damaligen Reichshauptstadt (...) Da war noch einmal alles versammelt - zu jüdischem Tun und Bekennen -, was Klang und Rang im jüdischen wie im allgemeinen Geistes- und Kunstleben hatte.” Das von Max Liebermann dem Institut geschenkte Selbstporträt war erst wenige Tage zuvor fertig geworden. Es hat die Gemäldesammlung wesentlich bereichert. “Immer wieder”, erinnert sich Rosenthal, “wandten sich Blicke und Sinn von den Weihereden zum schönsten Museumsschmuck: Liebermanns neuestem Selbstporträt, in dessen Nähe er saß.”

Das Gemälde hing in der Porträtgalerie des Museums - Liebermann befand sich in guter Gesellschaft: Wie wir dem Katalog des Jüdischen Museums entnehmen können, waren in diese Galerie von bekannten Künstlern gemalte bedeutende Juden aufgenommen, wie zum Beispiel der Schriftsteller Ludwig Börne (gemalt von Moritz Daniel Oppenheim), Moses Mendelssohn (gemalt von Johann Christoph Frisch) oder Rabbiner Leo Baeck (gemalt von Ludwig Meidner). Noch ein anderes Werk von Liebermann befand sich übrigens in der Porträtgalerie: das 1917 entstandene Porträt des berühmten Berliner Chirurgen James Israel.

Am 8. Februar 1935 starb Max Liebermann im 88. Lebensjahr; drei Tage später wurde er auf dem Friedhof der Berliner Jüdischen Gemeinde in der Schönhauser Allee im Familiengrab beigesetzt.

Stammbaum Familie Max Liebermann

Die Familie Max Liebermann


Zu dem Problem, wer an der Trauerfeier, die in der Presse nicht angekündigt war, teilnahm, hat Ernst Braun in den vergangenen Jahren intensiv gearbeitet. Er kommt zu folgendem Schluss: “Im Verhältnis zu Max Liebermanns künstlerischer Bedeutung nahmen zu wenige Trauergäste an der Beisetzung teil. Das verwundert nicht, wenn man die Zeit bedenkt, doch es stimmt hinsichtlich menschlicher Beeinflussbarkeit durch Druck, Gewalt und Angst bedenklich.”

Politischer Mut gehörte hingegen durchaus dazu, wenn die “C.-V.-Zeitung” ihren Bericht über das Begräbnis mit den Worten schloss: “Max Liebermanns sterbliche Reste werden nun Teil der Berliner Erde, die ihm Heimat war und bleibt.”

Am 30. Januar 1936 lesen wir, quasi als redaktionellen Nachtrag zu Landsbergers Artikel “Erinnerungen an Max Liebermann”: “Wegen Vorbereitung zur Liebermann-Ausstellung bleibt das Jüdische Museum zu Berlin bis Sonntag, den 9. Februar, dem Tag der Eröffnung der Gedächtnisausstellung, geschlossen. Eine Reihe von wertvollen Leihgaben ist inzwischen eingetroffen.” Diese Meldung der “C.-V.-Zeitung” ist, soweit mir bekannt ist, die erste Nachricht über die Ausstellung.

Der Gemeindevorsitzende Heinrich Stahl (1868-1942), der mit vielen Prominenten aus Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft verkehrte, mit Einstein bekannt und mit Liebermann befreundet war, ist als der eigentliche Initiator der Liebermann-Ausstellung zu betrachten. Er verehrte den Maler sehr, und zahlreiche Liebermann-Werke hingen in seinem Wohnhaus in Dahlem. Für die Ausstellung selbst zeichnete Landsberger verantwortlich. Der Liebermann-Kenner und -Biograph Erich Hancke sowie Max Osborn hatten ihn dabei unterstützt.

Im Katalog der Ausstellung macht Landsberger deutlich, was die Ausstellung beabsichtigte: “Für ihre Ehrenpflicht” halte es die Berliner Jüdische Gemeinde, “am ersten Gedenktage des Hinscheidens von Max Liebermann eine Ausstellung seiner Kunst zu veranstalten. In  i h r e  Hände ist es jetzt gelegt, das Andenken an diesen ihren großen Sohn lebendig zu halten.”

Für jeden verständlich und an Deutlichkeit kaum etwas zu wünschen übrig lassend, sind Landsbergers Formulierungen im Katalog, daß an eine große Ausstellung nicht gedacht werden konnte, weil es einerseits der zur Verfügung stehende Raum verbot, zum anderen aber auf die Mitarbeit der Museen verzichtet werden musste. So ließ sich “außer dem Besitz des Berliner Jüdischen Museums (...) nur der Privatbesitz, und auch dieser nur in eingeschränktem Maße, heranziehen.” Die wesentlichen privaten Leihgeber waren Heinrich Stahl und Martha Liebermann. Dem Ausstellungskatalog sind keine Provenienzvermerke beigegeben; sie konnten nur mit Mühe und dank dem Werkverzeichnis von Eberle für unsere Ausstellung rekonstruiert werden.

Die Eröffnung der Gedächtnisausstellung 1936 ist durch Berichte der jüdischen Presse - und nur hier - gut dokumentiert; Fotos von Abraham Pisarek haben überdauert. Gemeindevorsitzender Heinrich Stahl wies - aus der Not eine Tugend machend - “auf die Besonderheit dieser Liebermann-Ausstellung in jüdischen Räumen: von Juden für Juden - gegenüber früheren größeren Liebermann-Ausstellungen hin”, wie die “Jüdische Allgemeine Zeitung” berichtete. Über die Ausstellung selbst lesen wir: “Sämtliche Epochen von Liebermanns Kunst sind vertreten, von den Porträts der Eltern bis zu den Enkel-Bildern, vom frühen Selbstbildnis, dem Brekers Plastik nach der ergreifenden Totenmaske gegenüberhing, bis zum spätesten, die Farbenpracht seines Wannseegartens und der Gemüse auf dem Judenmarkt zu Amsterdam, die beiden Tobiasbilder, Graphik und Ölskizzen. Die Beschränkungen hemmten nicht den Gesamteindruck beglückender Meisterschaft, und der Akt der Pietät gegen den Toten mahnte die Lebenden zur Bewahrung und Bewährung jüdischer Qualität.”

Die bis zum 22. März geöffnete Ausstellung fand regen Zuspruch; die Mitarbeiterin des Museum, Irmgard Schüler, spricht von einem “Rekordbesuch von fast 6000 Besuchern”.

Zu den Besuchern gehörte auch Käthe Kollwitz, wie uns Karl Escher unterrichtet. In der Zeitschrift “Der Weg” teilt er im Jahre 1947 mit: “Ausdrücklich war es jedem Nichtjuden verboten, diese Ausstellung zu betreten, ein Befehl, der selbstverständlich streng befolgt wurde. Und doch kam eines Tages eine weißhaarige, märchenschöne Frau hocherhobenen Hauptes und schritt langsam, ernst, versonnen durch die Säle. Tränen schimmerten in ihren Augen. Wir, die wir sie erkannten, neigten uns tief vor ihr. Und das war Käthe Kollwitz, die herrliche Künstlerin, die das Leid aller Bedrückten und Entrechteten in ihre Brust genommen hatte, - auch unser Leid und unsere Qual ...”

Ob die Geschichte, die unlängst auch Schmalhausen zitiert hat, wirklich stimmt, ist nicht zu beweisen, zumal Escher keine Quellen angibt. Auf keinen Fall aber ist es richtig, daß es Nichtjuden verboten war, das Jüdische Museum zu betreten. Das wäre nicht zu kontrollieren gewesen. Eine andere Frage allerdings ist es, ob Nichtjuden überhaupt den Wunsch hatten, die Ausstellungen des Jüdischen Museums zu besuchen.

Die Herausgeberin der Tagebücher von Käthe Kollwitz, ihre Enkelin Jutta Bohnke-Kollwitz, teilte mir auf meine Frage, ob sie bestätigen könne, daß ihre Großmutter in der Ausstellung gewesen ist, folgendes mit: “Ich halte es (...) für durchaus möglich, sogar wahrscheinlich, dass meine Großmutter die Liebermann-Ausstellung besucht hat. Sie verehrte ihn ja sehr, so sehr sie sich auch über ihn ärgern konnte, und sie war eine mutige Frau ...” Einen wirklichen Beweis für den Kollwitz-Besuch in der Gedächtnisausstellung gibt es allerdings nicht, zumal die “Tagebucheintragungen nach 1933 (...) sehr sporadisch” sind.

Über die Gedächtnisausstellung hat die jüdische Presse ausführlich berichtet, ganz gleich welcher Richtung das jeweilige Blatt angehörte. So lesen wir zum Beispiel in der “Zeitschrift des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten”: “Obwohl die großen Werke aus den Galerien fehlen, hinterlässt die Ausstellung einen überwältigenden Eindruck; sie gibt einen bedeutenden Einblick in die Werkstatt des Malers, denn es sind sehr viele Studien zu den bekannten Werken ausgestellt (Münchener Biergarten, Flachsscheuer, Netzeflickerinnen, Spitzenklöpplerinnen usw.) (...) Die Ausstellung vermittelt auch einen Überblick über die verschiedenen Stadien der Entwicklung (...) Selten hat eine Ausstellung den Beschauer derart gefesselt ..."

Die nichtjüdische deutsche Presse schwieg. Interessant ist, dass die “Neue Zürcher Zeitung” die Ausstellung auf der ersten Seite besprach, ja sie genauestens beschrieb. Ausführlich geht die Zeitung zum Beispiel auf die schon erwähnten Selbstporträts der Ausstellung ein: “Die lange Reihe der bekannten Selbstbildnisse wird (...) durch die beiden letzten Arbeiten aus den Jahren 1928 und 1933 abgeschlossen. Immer wieder sehen wir den Künstler in diesen Selbstportraits in seiner zielbewussten Überlegenheit mit einem Zug von Selbstzufriedenheit und Sarkasmus. Das Bild aus dem Jahr 1928 ist noch nicht ganz frei davon. Aber das letzte dringt zu einer Reife und Läuterung durch, die es weit über alle früheren erhebt. Der schmerzvolle Ausdruck voll tiefster Lebenserkenntnis in diesem großen Altersbild lässt den heiligen Ernst an der Schwelle des Todes verspüren.”

Der Artikel kommt dann zu folgendem Schluss: “Die Ausstellung zeigt, was Liebermann als künstlerische Persönlichkeit mehr programmatisch als urschöpferisch in der deutschen Kunst der letzten sechzig Jahre bedeutet. Sie zeigt ihn aber trotzdem nicht als Theoretiker oder Führer der Berliner, ja deutschen Künstlerschaft, deren jahrzehntelang gefeierter Mittelpunkt er war, sondern in seinem unmittelbarsten Künstlertum, das getragen ist von menschlicher Empfindung, malerischer Auffassung und klarem Formbewußtsein.” Allerdings muss auch die “Neue Zürcher Zeitung” konstatieren: “Gemessen an der vor Jahren für den Präsidenten der Akademie der Künste in Berlin (...) veranstalteten Ausstellung ist es eine wenig umfangreiche Schau.”

Gemeint ist die Ausstellung des Jahres 1927, über die wir in den Tagebüchern der Kollwitz unter dem 22. Juni 1927 folgende Eintragung finden:
 
 

"'Auf so manches in der Welt
Lernt der Mensch verzichten.
Was vom Leben übrigbleibt,
Sind Bilder und Geschichten.'

Mit diesem Goetheschen Verschen schloß heut der Kultusminister Becker seine Ansprache an Liebermann und eröffnete die große wunderschöne Ausstellung, die 100 seiner besten Arbeiten zeigt. Es war fein.”

Becker hatte sich bei der Eröffnung wohl direkt Liebermann zugewandt und gesagt: “Lassen Sie mich ein tiefes Wort Ihres geliebten Goethe zitieren ...” Da intensive Bemühungen, das Goethe-Zitat zu finden, scheiterten, haben wir die Originalrede eingesehen. Das entsprechende Blatt, das hier abgebildet ist, zeigt eine Korrektur von Beckers Hand. Der Satz lautet jetzt: “Lassen Sie mich mit einem tiefen Dichterwort schließen (...)” Vermutlich hat jemand - vielleicht der Goethekenner Liebermann selbst? - den Preußischen Kultusminister auf den Fehler aufmerksam gemacht, der danach die Rede korrigierte.

Von wem der Vers stammt, war bisher nicht zu ermitteln. Seine letzten zwei Zeilen sind, so glauben wir, ein guter Titel für eine Ausstellung zu Max Liebermanns 150. Geburtstag; eine Ausstellung, die die Gedächtnisausstellung des Berliner Jüdischen Museums zu rekonstruieren versucht, denn:

"Was vom Leben übrig bleibt,
Sind Bilder und Geschichten!"

 


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