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Die erste Berliner Mahnmaldebatte

Von
Ulrich Werner Grimm

 

Die Berliner Zeitung erinnerte an Rudolf Schottlaender (5./.6 August 2000, Magazin S. 4). Anlass war dessen 100. Geburtstag. Was in dieser Erinnerung von Götz Aly unerwähnt blieb: Der Oberlehrer Professor Dr. Schottlaender war seit März 1951 Mitglied der Berliner Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ). Und: Der von Götz Aly erwähnte Vorschlag Rudolf Schottlaenders für ein Mahnmal an die unter dem Nationalsozialismus ermordeten jüdischen Kinder war von ihm zuerst in eben jener GCJZ zur Diskussion gestellt worden.

Auch wer den Namen der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit nicht kennt, hat vielleicht von der „Woche der Brüderlichkeit“ gehört. Sie wird von der GCJZ und vielen Mitveranstaltern jedes Jahr Anfang März in der gesamten Bundesrepublik ausgerichtet. Heute ist die „Woche“ vor allem durch die alljährliche Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille medienpräsent..

Derzeit gibt es in Deutschland über 70 christlich-jüdische Gesellschaften. Die Berliner GCJZ beging am 24. November 1999  ihren 50. Gründungstag. Zu ihren Mitgliedern gehörten und gehören auch viele prominente Persönlichkeiten der (West-)Berliner und bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte, u.a. Heinrich Albertz, Oswald Arnold, Ella Barowsky, Klaus Böger, Willy Brandt, Ferdinand Friedensburg, Heinz Galinski, Helmut Gollwitzer, Heinrich Grüber, Franz von Hammerstein, Martin Held, Martin Kruse, Hanna-Renate Laurien, Klaus Landowsky, Annedore Leber, Ernst Lemmer, Estrongo Nachama, Edwin Redslob, Ernst Reuter (GCJZ-Ehrenpräsident), Klaus Schütz, Georg Kardinal Sterzinsky, Joachim Tiburtius, Ernst Tillich, Heinrich Vockel, Jeanette Wolff.

Deutsche christlich-jüdische Gesellschaften waren 1948 von den Amerikanern initiiert worden. Nach der Zeit des Nationalsozialismus sollten die Gesellschaften zur Reeducation der Deutschen beitragen sowie mit ihrer Hilfe allgemein Vorurteile und Haß entsprechend dem Gebot der Brüderlichkeit (“World Brotherhood”) beseitigt werden. Die deutschen christlich-jüdischen Gesellschaften „modifizierten“ dann diesen Auftrag, was zu Auseinandersetzungen mit den amerikanischen Förderern sowie zwischen und innerhalb der deutschen Gesellschaften führte. Angesichts der Verbrechen, die von Deutschen an den Juden begangen worden waren, wollte man vor allem zur Verständigung zwischen Christen und Juden beitragen. Um diesem Anliegen auch organisatorisch Ausdruck zu verleihen, ist der Vorstand der GCJZ bis heute paritätisch besetzt: mit je einen jüdischen, einem katholischen und einem evangelischen Vorstandsvorsitzenden und entsprechenden Stellvertretern. Ein gleichberechtigtes Gespräch sollte miteinander geführt, der religiös und anderweitig motivierte Antisemitismus unter den nichtjüdischen Deutschen abgebaut werden.

Was heute vergessen ist: Die Gründung deutscher christlich-jüdischer Gesellschaften sollte von Berlin ausgehen. Der amerikanische Beauftragte, Reverend Carl F. Zietlow, ein hochrangiger Mitarbeiter der National Conference of Christians and Jews (NCCJ), kam im März 1948 nach Berlin und errichtete hier ein Büro. Von Berlin aus organisierte Zietlow mit Unterstützung des US-Militärgouverneurs Lucius D. Clay und der amerikanischen Besatzungsbehörde HICOG die Gründung deutscher GCJZ. Im Mai 1948 begann die sowjetische Blockade der Berliner Westsektoren. Zietlows Büro wurde nach Westdeutschland verlegt. Erste christlich-jüdische Gesellschaften entstanden in München, Wiesbaden, Stuttgart und Frankfurt am Main. Eine Berliner GCJZ konnte erst am 24. November 1949, nach dem Ende von Blockade und Berliner Luftbrücke, gegründet werden.

Der sich selbst als konfessionslos bezeichnende Rudolf Schottlaender hatte die Nazi-Zeit in „privilegierter“ Ehe überlebt. Anfang 1951 schlug er als Mitglied im Erziehungsausschuss der Berliner GCJZ vor, ein „internationales und interkonfessionelles Preisausschreiben für ein Mahnmal zur Erinnerung an die unter dem Nationalsozialismus gemordeten jüdischen Kinder in Westberlin durchzuführen“. Was sich anschließend entwickelte, war die wohl erste Debatte über ein Berliner Denkmal zur mahnenden Erinnerung an die ermordeten Juden.

Über den Vorschlag beriet der Erweiterte Vorstand der Berliner GCJZ am 25. Juni 1951. Der gerade zu einem Besuch in Berlin weilende Generaldirektor der NCCJ, Dr. Sterling W. Brown, und der Berliner Rabbiner Dr. Moritz Freier nahmen als Gäste an der Sitzung teil. Die ausgetauschten Argumente pro und contra Mahnmal dürften interessierten Zeitgenossen nicht unbekannt sein.

Auf Grund des noch vorhandenen Antisemitismus unter den Deutschen und der Vorsicht mancher Juden und wohlwollender Christen, ihn nicht noch weiter zu provozieren, wurde gefordert: Die Mahnmalidee sollte „nach außen hin“ von „bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Berliner Lebens“ oder von einer Stelle der Öffentlichkeit präsentiert werden, „die die direkte Zusammenarbeit mit jüdischen Glaubensangehörigen nicht von vornherein betone“, meinte der damalige evangelische Studentenpfarrer Eberhard Bethge. Bei der praktischen Ausführung müssten dann die Juden gefragt werden, sagte der in späteren Jahren unter anderem mit Forschungen zu Leben und Werk Dietrich Bonhoeffers bekannt gewordene Theologieprofessor.

Rabbiner Freier war der Auffassung: Bei aller Anerkennung des guten Willens bestehe die Möglichkeit, dass „ein solches Mahnmal doch vielleicht eher das Gegenteil des Gewollten“ erreicht, denn es könnte „aufreizend wirken“. Auf die Gegner werde es „in keinem Fall einen moralischen Einfluss ausüben“. Dagegen sei zu befürchten, daß es „sehr schnell einer zerstörenden Hand zum Opfer fallen und daher auch den jüdischen Mitmenschen nur neue Bitternis bringen“ wird.

Die Bedenken Rabbiner Freiers hätten „überzeugend auf ihn gewirkt“, meinte denn auch der langjährige jüdische GCJZ-Vorsitzende Siegmund Weltlinger.

Die stellvertretende jüdische GCJZ-Vorsitzende Jeanette Wolff entgegnete: Dem Gleichgültigen werde das Mahnmal nichts bedeuten, doch für die Erinnerung an das Geschehene könne es gerade für junge Menschen nützlich sein.

Die bekannte Schauspielerin und Vorsitzende des GCJZ-Theater- und Filmausschusses, Hilde Körber, war der Meinung: Vielleicht müsste das Mahnmal nicht nur die Erinnerung an die ermordeten jüdischen Kinder wachrufen, „sondern in ihm eine Art Gegenstück zu dem Grabmal des unbekannten Soldaten, hier also für das unbekannte Kind,“ geschaffen werden, „wobei auch der auf der Flucht umgekommenen Kinder gedacht werden“ könnte. Auf diese Weise werde „ganz allgemein das Gefühl angesprochen und der Mensch zum Nachdenken über das Geschehene angeregt“, argumentierte die spätere erste Rektorin der Berliner Max-Reinhardt-Schauspielschule.

Der Hohschullehrer Max Klesse sagte in der Debatte: Er sei für das Mahnmal, denn es wäre besonders für die Erziehung der jungen Generation wichtig. Es wäre „das Denkmal einer historischen Tatsache“, das um so notwendiger sei, „als viele Deutsche noch immer nicht so recht an die Wirklichkeit des Geschehenen glauben könnten und bis zu einem gewissen Grade die Berichte als Propaganda ansähen“. Aber es müsste ein Mahnmal „für alle von Hitler Verfolgten“ sein. Durch die Art der künstlerischen Gestaltung könnten dann die jüdischen Opfer „besonders hervorgehoben werden, ohne dass es ein spezifisch jüdisches Mahnmal sein müsste“. Es sollte im Zentrum der Stadt errichtet werden, denn dann „sei auch die Gefahr einer Schändung nicht so groß“.

Ein Mahnmal „in dieser allgemeinen Form“ bedeute „als Mahnmal des Unrechts einen Kampf gegen den wiederauflebenden Nazismus“, betonte der nach 1945 erste Rektor des Französischen Gymansiums, Kurt Levinstein.

Zunächst sei er für das Mahnmal gewesen, die Ausführungen von Rabbiner Dr. Freier hätten ihn aber vom Gegenteil überzeugt, meinte der Journalist Bernhard Müller („Neue Zeitung“). Er sei auch nicht für „ein Mahnmal mehr allgemeiner Art“. Bei einer Verunglimpfung des Mahnmals durch wenige könnte „im Ausland wieder der Eindruck entstehen..., als stehe eine viel stärkere Gruppe hinter diesen, als es der Fall sei“. Die Wirkungen dessen könnten „geradezu verheerend werden“.

Die Gefahr einer Schändung sollte uns nicht daran hindern, etwas zu tun, sagte Eberhard Bethge.  Man müsse „nur alles Propagandistische vermeiden“. Die Vorbereitungen für die Errichtung des Manmals sollten nicht öffentlich sein. Es „müsse plötzlich da sein“ und so gestaltet werden, „daß es von sich aus, ohne Schrift, in einer zurückhaltenden Art doch überzeugend“ wirke.

Zusammenfassend meinte Siegmund Weltlinger, „daß doch offenbar die allgemeine Ansicht über diesen Plan noch stärker aus sich selbst heraus reifen müsse“. Der Mahnmalvorschlag solle deshalb „zunächst zurückgestellt werden“, damit „jeder sich noch für sich damit beschäftigen“ könne.


Schottlaenders Vorschlag eines Preisausschreibens für die Errichtung eines Mahnmals zur Erinnerung an die unter dem Nationalsozialismus ermordeten jüdischen Kinder wird in einer Sitzung des GCJZ-Erziehungsausschusses am 9. Juli 1951 erneut ausführlich diskutiert.

Die Form eines allgemeinen Denkmals lehnte Rudolf Schottlaender in dieser Sitzung ab. Was mit seiner Idee zum Ausdruck gebracht werden solle, sei „die bewusste Vernichtung einer Volkssubstanz, die sich in der Ermordung der jüdischen Kinder ausgesprochen habe“.
Wenn der Vorschlag zur Errichtung des Denkmals von Berlin ausginge, würde das sicher zu einem bessern Verständnis Israels gegenüber dem heutigen Deutschland beitragen. Ein internationaler Städtewettbewerb solle ausgerufen werden. Das Mahnmal müsse ja keineswegs in Berlin, ja nicht einmal in Deutschland, sondern vielleicht in Israel oder Paris stehen, erläutert Rudolf Schottlaender. Alle Anwesenden der Ausschusssitzung waren jedoch zumindest „bewusst für eine Errichtung des Denkmals in Deutschland“.

Der ebenfalls anwesende Bezirksschulrat Hans  Fest  sprach sich gegen das Mahnmal aus. Er befürchtete, daß dem bereits absterbenden Antisemitismus neuer Auftrieb gegeben würde, daß das Mahnmal „zum Kristallisationspunkt antisemitischer Ideen werden“
könnte. Spontan, wie er betonte, machte Fest dann einen Vorschlag, der mit großer Begeisterung aufgenommen wurde: die Errichtung eines Heims für die gemeinsame Erziehung jüdischer und christlicher Kinder. Dieses Heim solle das Denkmal für die ermordeten jüdischen Kinder sein. Er wolle mit seinem Vorschlag nicht gegen die Mahnmalidee auftreten, betonte Hans Fest (der GCJZ-Vorstand erklärt seine Idee eines Kinderheims später zu einem Gegenvorschlag), sondern dem Mahnmal „nur eine andere Seele geben“.

Rudolf Schottlaender beschwerte sich dann noch nachdrücklich darüber, dass man ihn zur Vorstandssitzung nicht eingeladen hatte. Max Klesse versuchte ihm zu erklären, „dass diese Sitzung nur eine vorläufige Aussprache“
war und keine Notwendigkeit bestand, Schottlaender „gleich zu dieser 1. Aussprache“
hinzuzuziehen. – Hatte der Berliner GCJZ-Vorstand in der ersten Aussprache in seiner Sitzung im Juni 1951 Schottlaenders Plan laut schriftlichem Protokoll „zunächst noch zurückgestellt“, heißt es dann im GCJZ-Jahresarbeitsbericht 1950/51, die Idee sei in eben dieser Vorstandssitzung „vorläufig abgelehnt“ worden. - Eine Berliner Mahnmaldebatte war beendet.

Götz Aly erwähnte, dass Rudolf Schottlaender seinen Mahnmalvorschlag dann im Oktober 1951 in der Zeitschrift für weltweite Verständigung „SOS“ veröffentlichte. Nach der gescheiterten internen Diskussion in der Berliner GCJZ suchte Schottlaender die Öffentlichkeit. Im Wissen um diese Debatte wird nun auch die von Götz Aly zitierte Forderung Schottlaenders verständlich: „Aber wirksam ist das Mahnmal nur, wenn es nicht ins Uferlose eines Gedenkens an sämtliche Opfer irgendeiner Tyrannei verschwimmt, sondern sich an den Höhepunkt der Unmenschlichkeit heftet, den man ... in jenem Mord an schätzungsweise einer Million jüdischer Kinder erblicken muß.“

Der Artikel basiert auf einem Beitrag in der Festschrift
“Im Gespräch -
50 Jahre Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Berlin e.V.”,
Berlin 1999.

(c) Alle Rechte: Ulrich Werner Grimm


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