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Zille in Nordhorn

Berlin-Musical „Mach Spucke druff“ in Niedersachsen uraufgeführt

   

Von
Ulrich Werner Grimm

 

„Heinrich Zille? – Nie gehört.“ Berliner Größen sind in der Provinz kaum interessant. Die Hauptstadt? Weit weg. Berlin bleibt Berlin? Na schön, aber Provinz ist überall. Und doch: Es tut sich was. In Nordhorn zum Beispiel, einer Stadt in der Grafschaft Bentheim. Niedersachsen nahe den Niederlanden. Ein paar Kilometer vom holländischen Enschede entfernt, das mit dem Unglück in der Feuerwerksfabrik Schlagzeilen machte.

In Nordhorn ist Zille angekommen. Am Silvesterabend 2001, in der Theaterwerkstatt. Die Uraufführung des neuen Berlin-Musicals „Mach Spucke druff“  war eine „dufte Sache“, sagten die Nordhorner. Nordhorner brauchen etwas länger, bis sie auftauen, sagt man. Wenn also Nordhorner nach der Aufführung das rustikale Ambiente ihrer Kultur-Kornmühle verlassen und dabei die Ohrwurm-Musicalmelodien singen und pfeifen, darf die Inszenierung wohl als gelungen gelten.

Die Nordhorner selbst haben sich Zille geholt. „Theaterwerkstatt Nordhorn“ - das ist Theater zum Anfassen und zum Mitmachen. Die 52 000-Einwohner-Stadt leistet sich drei Spielstätten für Dramen, Musicals, Lesungen, Kabarett und Musik. Das Mehrsparten-Ensemble besteht aus Profis und Laien. Insgesamt 180 Nordhorner engagieren sich in dem eingetragenen Verein. Wer nicht spielt, schneidert Kostüme, zimmert Bühnen, gestaltet Dekorationen oder serviert Pausengetränke. Knapp 40 Tausend DM gab die Stadt bisher an jährlichen Zuschüssen. Daneben bezahlt die Gemeinde den Umbau der Spielstätten, bei dem die Theaterwerkstättler selbst Hand anlegen.

Geleitet wird das Ganze von Horst Gross, einem studierten Schauspieler und Sänger. Er führt Regie, managt und  bildet als Dozent an einer Hochschule in Enschede junge Künstler aus. Gross ist Österreicher, seine Frau Iranerin. Sie bekam als Musikerin vor zehn Jahren eine Arbeit in Nordhorn, er zog ihr nach. Davor war Horst Gross unter anderem beim „Phantom der Oper“ in Hamburg dabei. Seine Inszenierungen in der Theaterwerkstatt, wie die Musicals „Amadeus“ und „Annie“, lassen Ambitionen erkennen. Anspruchsvolles Musiktheater ist auch in der Grafschaft Bentheim machbar. Mit „Goodbye Klein-Amerika“, wie man die einstige Textilstadt Nordhorn in den zwanziger Jahren nannte, stellten Regisseur Gross und die Autoren/Komponisten Thomas Kriegisch und Werner Straukamp ein engagiertes Musical mit einer in der Region spielenden Handlung auf die Bretter. Das Wagnis wurde ein umjubelter Erfolg.

Und nun „Mach Spucke druff“ von Heinz Kahlau und Felix Huby. Der Brecht-Schüler Kahlau war einst mit Zilles Tochter befreundet. Das Zille-Stück ist ein lang gehegter Wunsch. Krimi-Autor Huby, den es vom TV auch immer mehr zum Theater zu ziehen scheint, ist zwar ein Schwabe. Aber schon das Huby/Kahlau-Musical „30-60-90 Grad – durchgehend geöffnet“, das in einem Prenzlauer-Berg-Waschsalon spielt und am Theater des Westens lief, war ein waschechtes Berlin-Stück. Erstaunlich genug: Die sozialen und politischen Gegenwartsbezüge hatten das Publikum nicht gestört. Im Gegenteil. Was dem Musical mangelte, waren musikalische Ohrwürmer.

Anders das neue Singspiel von Kahlau/Huby. Es ist wenig aufwendig, die Geschichte schnell erzählt: Heinrich Zille ist arbeitslos geworden, was er seiner Frau Hulda verschweigt. Ein Fischer rettet das Mädchen Grete aus der Spree. Es ist von einem Leutnant schwanger und wollte Selbstmord begehen. Zille nimmt sich des Mädchens an und verliebt sich. Seine Frau erlaubt ihm, sich Appetit außer Haus zu holen, solange er nur zu Hause isst. Aber Grete will Zille nicht. Sie liebt den Spreefischer. Zille wird als bedeutender Künstler entdeckt. Die ergreifend-simple Handlung ist mit Heutigem fein verwoben. Die Musik von Michael Felsenstein (einem Neffen Walter Felsensteins) geht ins Ohr und zu Herzen. Die Arrangements besorgte Georg Hermannsdorfer, ein Bayer.

Dass „Mach Spucke druff“ ausgerechnet in Nordhorn Premiere hatte, war wie vieles im Leben Zufall. Man kannte sich aus Studententagen in Wien, irgendwann erzählte Felsenstein vom Zille-Projekt, und Gross war begeistert. Eigentlich gehört das Stück nach Berlin, meint Horst Gross. Natürlich sei er froh, dass es so gut von den Nordhornern angenommen wurde. Aber er würde doch zu gern ausprobieren, wie es in Berlin ankommt. Und außerdem: Die Berliner sollten ein wenig selbstbewusster sein. Berlin ist Hauptstadt, und das hat man anderswo auch begriffen. Die Hauptstädter müssten endlich mal hinschauen, wie man Berlin in der „Provinz“ zur Kenntnis nimmt.

(c) Alle Rechte vorbehalten: Ulrich Werner Grimm

Zeichen: 4562

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